Absturzsicherung gehört zu den wichtigsten Themen auf jeder Baustelle – und gleichzeitig zu den Themen, die im Arbeitsalltag gerne nach hinten geschoben werden.
Dabei haben sich die Anforderungen in den vergangenen Jahren deutlich weiterentwickelt.
Photovoltaikanlagen, Dachbegrünungen, Retentionsdächer und technische Anlagen sorgen dafür, dass Dächer immer häufiger betreten und gewartet werden müssen. Gleichzeitig gibt es neue Sicherungssysteme, digitale Lösungen und wichtige Änderungen bei den fachlichen Anforderungen.
In einer aktuellen Folge des Dachdecker-Podcasts sprechen Michael Zimmermann und Karl-Heinz Krawczyk deshalb mit Thomas Reikers von ABS Safety über die aktuellen Entwicklungen rund um Absturzsicherung.
Dabei geht es unter anderem um die aktualisierte DGUV Information 201-056, die richtige Planung von Sicherungssystemen, die Verbindung von Photovoltaik und Absturzsicherung, digitale Dokumentation und die Schulung von Mitarbeitern.
1. Absturzsicherung sollte im Betrieb oberste Priorität haben
„Sicherheit auf dem Dach – da gibt es keine zwei Meinungen und auch keine Kompromisse.“
Mit dieser klaren Aussage eröffnet Michael Zimmermann das Gespräch.
Denn gerade im Dachhandwerk ist das Risiko eines Absturzes allgegenwärtig. Gleichzeitig sind Fachkräfte knapp. Für Thomas Reikers ist deshalb klar: Jeder Mitarbeiter muss nach der Arbeit gesund nach Hause kommen.
Das Thema Arbeitssicherheit sollte dabei aber nicht als zusätzliches Damoklesschwert über dem Betrieb hängen.
Vielmehr gehe es darum, Sicherheit einfach, praktikabel und möglichst digital umzusetzen.
Genau hier setzt ABS Safety an. Das Unternehmen entwickelt und produziert unter anderem Anschlagpunkte, Geländersysteme, Steigleitern, Arbeitsbühnen, persönliche Schutzausrüstung und Rettungssysteme.
Der Anspruch laut Reikers: Nicht einfach möglichst viele Produkte anzubieten, sondern Lösungen zu entwickeln, die sich im Arbeitsalltag von Handwerkern tatsächlich umsetzen lassen.
2. Die DGUV Information 201-056 ist deutlich umfangreicher geworden
Ein zentraler Punkt des Podcasts ist die aktualisierte DGUV Information 201-056.
Thomas Reikers beschreibt die Entwicklung mit einem Augenzwinkern: Aus ursprünglich neun Seiten sind inzwischen 99 Seiten geworden.
Das klingt zunächst nach einem weiteren dicken Regelwerk, durch das sich Unternehmer und Mitarbeiter durcharbeiten müssen.
Tatsächlich empfiehlt Reikers aber, sich zumindest einmal mit dem Inhaltsverzeichnis auseinanderzusetzen. Denn die Information enthält zahlreiche konkrete Hinweise dazu, welche Maßnahmen bei unterschiedlichen Situationen auf dem Dach sinnvoll beziehungsweise erforderlich sind.
Wichtig ist dabei die Einordnung: Die DGUV Information selbst ist keine eigenständige Verordnung. Sie bündelt jedoch relevante gesetzliche Vorgaben, Regeln und technische Anforderungen und hilft dabei, diese für die Praxis einzuordnen.
Michael Zimmermann betont im Podcast deshalb ebenfalls die Bedeutung des Dokuments. Gerade weil es bisher kein einzelnes, umfassendes „Absturzschutzgesetz“ gibt, bietet die DGUV Information eine wichtige Orientierung für Unternehmer, Planer, Verarbeiter und Sachverständige.
Für Dachbetriebe bedeutet das: Wer Absturzsicherung plant oder montiert, sollte die aktuelle DGUV Information 201-056 kennen und sich mit den für den eigenen Betrieb relevanten Inhalten auseinandersetzen.
3. Einzelanschlagpunkte sind nicht mehr die Standardlösung für jedes Dach
Ein weiterer wichtiger Punkt: Die Zeiten, in denen ein paar Einzelanschlagpunkte auf dem Dach als universelle Lösung betrachtet wurden, sind vorbei.
Das liegt auch daran, dass sich die Nutzung von Dächern verändert hat.
Früher wurde ein Dach möglicherweise nur selten betreten. Heute befinden sich dort Photovoltaikanlagen, Dachbegrünungen, technische Anlagen, Klimageräte oder Wärmepumpen.
Damit steigt auch der Wartungsbedarf.
Dachabläufe müssen kontrolliert werden. Abdichtungen müssen überprüft werden. Photovoltaikanlagen müssen gewartet werden. Technische Anlagen müssen erreichbar sein.
Dadurch entstehen immer mehr Situationen, in denen sich Personen sicher über die Dachfläche bewegen müssen.
Thomas Reikers erklärt, dass Einzelanschlageinrichtungen als alleinige Lösung inzwischen nur noch in wenigen Situationen sinnvoll eingesetzt werden können. Stattdessen spielen Geländer sowie überfahrbare Seil- und Schienensicherungssysteme eine zunehmend wichtige Rolle.
Dabei gilt weiterhin: Kollektive Schutzmaßnahmen beziehungsweise technische Lösungen sind grundsätzlich zu bevorzugen, wenn sie für die jeweilige Situation geeignet sind.
4. Photovoltaik und Absturzsicherung müssen gemeinsam geplant werden
Besonders deutlich wird die Problematik bei Photovoltaikanlagen.
Natürlich möchte ein Bauherr möglichst viel seiner Dachfläche für PV-Module nutzen. Gleichzeitig muss das Dach auch später noch sicher betreten werden können.
Wenn die gesamte Fläche mit Modulen belegt wird, können wichtige Lauf- und Wartungswege fehlen.
„Das Dach ist nicht wartungsfrei“, macht Thomas Reikers im Gespräch deutlich.
Denn auch ein Dach mit Photovoltaikanlage muss weiterhin kontrolliert werden.
Genau deshalb sollte die Absturzsicherung nicht erst nach der PV-Planung betrachtet werden.
PV-Anlage, Laufwege, Wartungsbereiche und Absturzsicherung müssen gemeinsam geplant werden.
Andernfalls entstehen später Konflikte zwischen den einzelnen Gewerken – und im schlimmsten Fall werden bereits montierte Sicherungseinrichtungen sogar verändert oder entfernt, damit die Photovoltaikanlage passt.
5. Integrierte Systeme können mehrere Anforderungen miteinander verbinden
Eine interessante Entwicklung sind deshalb Systeme, bei denen Absturzsicherung und Photovoltaik-Unterkonstruktion miteinander kombiniert werden.
Thomas Reikers berichtet im Podcast von entsprechenden Lösungen, bei denen die Sicherungssysteme direkt in die PV-Unterkonstruktion integriert werden.
Der Vorteil: Die verschiedenen Anforderungen müssen nicht komplett getrennt voneinander betrachtet werden.
Auch das Thema Blitzschutz kann in ein solches Gesamtkonzept integriert werden. ABS Safety arbeitet hierfür unter anderem mit DEHN zusammen.
Das zeigt einen grundsätzlichen Trend:
Moderne Dachplanung muss stärker gewerkeübergreifend gedacht werden.
Je früher die verschiedenen Anforderungen berücksichtigt werden, desto weniger Probleme entstehen später bei Montage und Wartung.
6. Digitale Dokumentation spart Zeit auf der Baustelle
Neben der Planung ist auch die Dokumentation ein wichtiger Bestandteil der Absturzsicherung.
In vielen Betrieben läuft sie heute noch über Fotos, Notizen und Papierunterlagen.
Das Problem: Die Informationen müssen später zusammengesucht und zu einer vollständigen Dokumentation zusammengeführt werden.
Thomas Reikers stellt im Podcast deshalb eine digitale Lösung von ABS Safety vor.
Die Funktionsweise ist denkbar einfach: Die entsprechenden Produkte können über einen Data-Matrix-Code eingescannt werden. Die Anwendung erkennt das Produkt und führt den Nutzer anschließend durch die notwendigen Dokumentationsschritte.
Der Monteur muss beispielsweise bestätigen, dass bestimmte Montageschritte korrekt durchgeführt wurden, und kann Bilder der montierten Sicherungseinrichtung hinterlegen.
Anschließend lässt sich die Dokumentation abschließen und als PDF exportieren.
Der entscheidende Vorteil: Weniger manuelle Eingaben und eine deutlich strukturiertere Dokumentation.
Gerade bei wiederkehrenden Aufgaben kann Digitalisierung hier spürbar Zeit sparen.
7. Fachgerechte Montage wird immer wichtiger
Ein Sicherungssystem kann nur dann zuverlässig funktionieren, wenn es auch fachgerecht montiert wurde.
Genau hier entstehen laut Thomas Reikers in der Praxis immer wieder Probleme.
Fehler bei der Befestigung können beispielsweise später unter einer Abdichtung, Dämmung oder Dacheindeckung verborgen sein. Für Sachverständige wird es dadurch entsprechend schwierig, Mängel nachträglich zu erkennen und zu bewerten.
Deshalb spielt die Qualifikation der Mitarbeiter eine entscheidende Rolle.
Schulung für die Montage von Anschlageinrichtungen
Thomas Reikers weist im Podcast darauf hin, dass Unternehmen sich seit 2026 mit der entsprechenden Qualifikation für die Montage von Anschlageinrichtungen und Sicherheitsdachhaken auseinandersetzen müssen.
Gerade für Dachdecker- und Zimmereibetriebe ist das relevant, weil die Montage solcher Systeme in vielen Betrieben zum Arbeitsalltag gehört.
Dabei muss eine Schulung nicht zwangsläufig bedeuten, dass jeder Mitarbeiter komplett bei null anfängt. Bereits vorhandene Qualifikationen können je nach Situation berücksichtigt werden.
Der Appell von Reikers ist deshalb klar:
Unternehmen sollten sich informieren, ihre Mitarbeiter entsprechend schulen lassen und sicherstellen, dass die montierten Systeme fachgerecht ausgeführt werden.
8. Einheitliche Schulungsstandards sollen für mehr Sicherheit sorgen
Ein interessantes Detail aus dem Podcast betrifft die Zusammenarbeit verschiedener Hersteller.
ABS Safety ist gemeinsam mit weiteren Herstellern im ESFP – European Society for Fall Protection organisiert.
Ziel ist unter anderem, gemeinsame Qualitätsstandards für Schulungen zu schaffen.
Denn eine Schulung sollte nicht lediglich daraus bestehen, dass ein Mitarbeiter kurz erklärt bekommt, wie ein bestimmtes Produkt funktioniert.
Es geht vielmehr um grundlegende Kenntnisse rund um die fachgerechte Montage von Sicherungssystemen.
Durch einen gemeinsamen Schulungsstandard soll außerdem ermöglicht werden, dass entsprechend qualifizierte Montageunternehmen auch Produkte verschiedener angeschlossener Hersteller montieren können.
Für Betriebe kann das einen entscheidenden Vorteil bringen: Eine einmalige, hochwertige Qualifizierung kann über den einzelnen Hersteller hinaus relevant sein.
9. Sicherheit muss in die Ausbildung
Für Thomas Reikers beginnt das Thema allerdings noch früher – nämlich bei den Auszubildenden.
Seine Forderung: Jeder Dachdecker- und Zimmerer-Auszubildende sollte während seiner Ausbildung mit persönlicher Schutzausrüstung gegen Absturz und den grundlegenden Prinzipien der Absturzsicherung vertraut gemacht werden.
Denn es sollte nicht passieren, dass jemand seine Ausbildung beendet, ohne jemals einen Auffanggurt richtig gesehen oder benutzt zu haben.
Sicherheit sollte von Anfang an Teil der beruflichen Praxis sein.
Dazu gehört auch das Wissen über die fachgerechte Montage von Sicherungssystemen.
Was früh gelernt und regelmäßig angewendet wird, wird später zur Routine.
10. Auch die beste Absturzsicherung braucht ein Rettungskonzept
Ein Punkt, der im Arbeitsalltag leicht vergessen wird, ist die Rettung.
Denn auch bei einer korrekt geplanten persönlichen Schutzausrüstung gegen Absturz bleibt ein Restrisiko bestehen.
Es kann zu einem Absturz kommen.
Dann muss schnell gehandelt werden.
Thomas Reikers betont deshalb im Podcast, dass Unternehmen neben der Absturzsicherung auch die Rettung nach einem Absturz berücksichtigen müssen.
Dafür braucht es geeignete Rettungsmittel und einen klaren Ablauf.
Und auch hier gilt: Man muss kein professioneller Höhenretter sein, um im Ernstfall helfen zu können. Mit der richtigen Ausrüstung und entsprechender Einweisung können auch Mitarbeiter lernen, wie eine Rettung grundsätzlich funktioniert.
Das Thema sollte deshalb genauso selbstverständlich behandelt werden wie Erste Hilfe.
11. Arbeitssicherheit darf nicht vom Zufall abhängen
Eine der wichtigsten Aussagen von Michael Zimmermann im Podcast lässt sich auf einen einfachen Grundsatz herunterbrechen:
Gute Unternehmen überlassen nichts dem Zufall.
Das gilt auch für die Arbeitssicherheit.
Es sollte nicht davon abhängen, ob der Chef gerade auf der Baustelle ist oder ein Mitarbeiter zufällig weiß, wie ein bestimmtes System montiert werden muss.
Stattdessen braucht es klare Prozesse.
Zum Beispiel:
Planung → Auswahl des Sicherungssystems → fachgerechte Montage → Dokumentation → Prüfung → Schulung → Rettungskonzept
Wenn diese Abläufe im Betrieb festgelegt sind, wird Arbeitssicherheit zu einem normalen Bestandteil des Arbeitsalltags.
Und genau dann wird sie auch weniger kompliziert.
12. Sicherheit ist nicht nur eine Pflicht – sie schützt deinen Betrieb
Im Gespräch wird immer wieder deutlich: Es geht nicht ausschließlich darum, Bußgelder oder Probleme mit der Berufsgenossenschaft zu vermeiden.
Natürlich können Verstöße gegen Arbeitsschutzvorgaben erhebliche Konsequenzen haben.
Für Unternehmer geht es aber um viel mehr.
Ein schwerer Unfall kann Mitarbeiter und deren Familien für immer verändern. Gleichzeitig können für den Betrieb enorme wirtschaftliche und persönliche Folgen entstehen.
Karl-Heinz Krawczyk bringt deshalb einen sehr persönlichen Gedanken ein: Er möchte als ehemaliger Betriebsinhaber nicht mit der Verantwortung leben, dass ein Mitarbeiter aufgrund mangelnder Sicherheit tödlich verunglückt.
Das zeigt, worum es beim Thema Absturzsicherung letztlich geht.
Nicht um Papier. Nicht um Vorschriften. Nicht um die nächste Kontrolle. Sondern um Menschen.
Fazit: Absturzsicherung muss einfach, geplant und konsequent umgesetzt werden
Die Anforderungen an die Absturzsicherung werden nicht kleiner.
Gleichzeitig werden Dächer immer komplexer und vielseitiger genutzt.
Photovoltaik, Dachbegrünung, Retention, Klimaanlagen, Wärmepumpen und weitere technische Anlagen führen dazu, dass Dächer häufiger betreten und gewartet werden müssen.
Für Dachbetriebe bedeutet das: Absturzsicherung sollte nicht als nachträgliche Pflicht betrachtet werden.
Sie muss bereits bei der Planung berücksichtigt und anschließend sauber in die betrieblichen Prozesse integriert werden.
Die wichtigsten Punkte aus dem Gespräch mit Thomas Reikers:
- DGUV Information 201-056 kennen und für die eigene Arbeit nutzen
- Dachflächen individuell bewerten und nicht automatisch mit Einzelanschlagpunkten planen
- PV und Absturzsicherung gemeinsam denken
- Sichere Lauf- und Wartungswege berücksichtigen
- Digitale Möglichkeiten für die Dokumentation nutzen
- Mitarbeiter für die Montage von Sicherungssystemen entsprechend qualifizieren
- Arbeitssicherheit bereits in der Ausbildung vermitteln
- Ein Rettungskonzept für Arbeiten mit PSA gegen Absturz vorsehen
- Klare Standards und Prozesse im eigenen Betrieb schaffen
Denn am Ende gibt es bei diesem Thema tatsächlich keine zwei Meinungen:
Jeder Mitarbeiter soll nach seinem Arbeitstag auf dem Dach wieder gesund nach Hause kommen.
Über den Dachdecker-Podcast
Die Themen dieses Beitrags stammen aus einer Folge des Dachdecker-Podcasts mit Michael Zimmermann und Karl-Heinz Krawczyk. Zu Gast war Thomas Reikers, verantwortlich für Unternehmenskommunikation bei ABS Safety.
Im Podcast sprechen die drei ausführlich über Absturzsicherung, die DGUV Information 201-056, Photovoltaik, digitale Dokumentation, Schulungen und Rettung.
Wer tiefer in das Thema einsteigen möchte, sollte sich die vollständige Podcastfolge anhören. Auch in der Roof.Academy finden Mitglieder weitere Inhalte rund um Fachtechnik, Arbeitssicherheit, Digitalisierung und die Organisation von Dachbetrieben.

